Pressemitteilung des Vereins Papageiensiedlung e.V. am 26.7.2026 zur Aufnahme der Papageiensiedlung ins UNESCO-Welterbe: Taut wollte für Menschen bauen, nicht für Behörden und Konzerne
In ihrer Sitzung in Südkorea hat die UNESCO am 26.Juli 2026 beschlossen, die nachnominierte Papageiensiedlung alias Waldsiedlung Zehlendorf in die bereits als Weltkulturerbe deklarierte Reihe der Siedlungen der Moderne aufzunehmen. Der Vorstand des Nachbarschaftvereins erklärt dazu:
Im Jahr des 100-jährigen Bestehens unserer Siedlung nehmen wir die Entscheidung der UNESCO mit zwiespältigen Gefühlen zur Kenntnis.
Wir teilen die Begeisterung für den genialen Bauherrn Bruno Taut, der zusammen mit seinen Kollegen Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg hier zwischen 1926 und 1932 eine außerordentlich farbenfrohe architektonische Meisterleistung vollbrachte. Schon ab Baubeginn galt sie als die schönste Siedlung Berlins, die menschen- und naturfreundlich in den Grunewald hinein errichtet wurde, ohne dass dafür Bäume sterben mussten. Taut & Co haben hier Maßstäbe geschaffen, an die die allermeisten heutigen Bauwerke nicht heranreichen. Taut hat die weltweite Ehrung verdient. Für die Bewohnerschaft kann das Weltkulturerbe einen pfleglicheren Umgang mit der historischen Bausubstanz anstoßen, Gäste können die Modernität des damaligen Siedlungsbaus bewundern.
Nicht verdient aber hat er die Nachteile der Nachnominierung. Er wollte für Menschen bauen, nicht für Konzerne wie Vonovia, die heute den Großteil der 1.100 Geschosswohnungen besitzt. Er lehnte Privateigentum an Grund und Boden ab und wollte schönen und möglichst billigen Wohnraum für Ärmere schaffen – keine Reichensiedlung, in der Mieten und Grundstückspreise möglicherweise steigen.
Er wollte auch nicht für Behörden bauen und hatte im Gegenteil ständig Ärger mit ihren mangelnden Baugenehmigungen. Heute erlaubt das Landesdenkmalamt den Eigentümer:innen der 800 Reihenhäuschen nur sehr restriktiv Solarmodule und Wärmepumpen. Und Hitzeschutz wie Rollläden und Markisen ist nicht zulässig.
Wir als Verein Papageiensiedlung haben angesichts des bevorstehenden 100-jährigen Geburtstags vor einigen Jahren das Projekt „Klimafreundliche Papageiensiedlung“ mit zahlreichen nachbarschaftlichen Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, die die Siedlung für die nächsten 100 Jahre klimaneutral stellen wollen. Daraus ist die Genossenschaft „Klimafreundliches Quartier“ entstanden, abgekürzt kliQ, die in den nächsten Jahren ein fossilfreies Versorgungsnetz aufbauen wird.
Das Landesdenkmalamt lobt diese Initiativen einer überaus aktiven Bürgerschaft, hat sie aber in Wirklichkeit stark behindert. Von 650 schriftlichen Einwänden gegen seinen neuen Denkmalpflegeplan hat es nur eine Handvoll berücksichtigt. Trotz Protesten blieben die Restriktionen für erneuerbare Energien bestehen. Und die Mieter:innen in Vonovia-Häusern wurden erst gar nicht gefragt.
EINE KOMPRIMIERTE GESCHICHTE DER SIEDLUNG – Infoblatt des Vereins Papageiensiedlung
Die Papageiensiedlung in Berlin-Zehlendorf wird 2026 hundert Jahre alt und steht seit 26.Juli 2026 auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO. Sanft gebogene Straßen mit bunten Fassaden und kleinen Gärten schaffen ein „Bullerbü“-Gefühl, und das nicht nur, weil sie mit ihren rund 5.000 Einwohner:innen wie ein Dorf wirkt. „Architektur ist die Kunst der Proportion“ steht auf dem Denkmal für ihren Hauptarchitekten Bruno Taut in der Argentinischen Allee – sein Credo. Tauts vielfarbige Geschossbauten und Loggien, Fenster und Türen wirken harmonisch, und die Grundstücke sind so gestaltet, dass die Bewohnerschaft sich begegnen muss, sich aber auch zurückziehen kann. Dieser unsichtbar proportionierte Raum hat starke Gefühle der Nachbarschaftlichkeit geschaffen, die sich 100 Jahre lang in gegenseitiger Hilfe und zahlreichen Festivitäten ausdrückten.
Die Waldsiedlung Zehlendorf, wie sie offiziell heißt, wurde von 1926 bis 1932 in den Grunewald hinein gebaut – viele Bäume durften dabei aufgrund der „Naturfürchtigkeit“ Tauts stehen bleiben. Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg errichteten sie in sieben Bauabschnitten. Schon Ende der 1920er Jahre nannte sie der Berliner Volksmund wegen ihrer einzigartigen Farbigkeit „Papageiensiedlung“. Der Spitzname Papageiensiedlung hat sich erhalten, weil er witzig ist und Verwechslungen mit der nahen „Waldsiedlung Krumme Lanke“ als ehemaliger SS-Siedlung ausschließt. Manche nennen sie auch „Onkel-Tom-Siedlung“, was mit dem Roman von Harriet Beecher Stowe aber wenig zu tun hat. Namensgeber war „Tom“, Wirt eines Ausflugslokals im Grunewald, das der Volksmund in „Onkel Toms Hütte“ umtaufte.
Obwohl aus Kostengründen seriell gebaut, damit auch Ärmere hier wohnen konnten, wirken die mehrgeschossigen Gebäude der Papageiensiedlung durch ihre Farben und Strukturen aufgelockert. Die Reihenhäuser mit ihren schmalen Vor- und Hausgärten sind nur fünf Meter breit, die Eckhäuser sechs Meter – dem idealen Maß für die menschliche Wahrnehmung. Kein Wunder, dass die Siedlung schon in den 1920er Jahren berühmt wurde. In „Licht, Luft und Sonne“ gebaut, war sie etwas revolutionär Neues, zumal im Vergleich zu den entsetzlichen Wohnungen in den feuchten Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen Berlins. Laut einer Umfrage unter Schulkindern im Jahr 1912 hatten 87% von ihnen noch nie eine Birke erblickt, 70% noch nie einen Sonnenaufgang, 53% noch nie eine Schnecke. Manche Kinder wollten einen See gesehen haben, aber bei Nachfragen stellte sich heraus: Es war ein Fischbehälter auf dem Markt.
Bruno Taut war damals Chefarchitekt der 1924 gegründeten „Gemeinnützigen Heimstätten AG“ (Gehag). Unter Taut schaffte es die Gehag vorbildlich schnell, vergleichsweise billigen und schönen Wohnraum für kleine Leute zur Verfügung zu stellen. Die Grundrisse der rund 800 Reihenhäuser und 1.100 Wohnungen in den Mietshäusern waren weltweit stilprägend und wurden überall kopiert. Die „Berliner Moderne“ ist seit 100 Jahren modern!
Das Bauland stellte der jüdische Bauunternehmer Adolf Sommerfeld zur Verfügung. Ihm war der soziale Wohn- und Siedlungsbau eine Herzensangelegenheit. Seine Baufirma legte die Straßen an und erschloss das Baugebiet. Zunächst wurden im südlichen Siedlungsteil die Bauabschnitte I und II beplant, die Mehrfamilienhäuser von Taut und die Einfamilienhäuser von Häring und Salvisberg, der vom jetzigen Eigentümer Vonovia abgesperrte „Kiefernhof“ als größte Freifläche der Siedlung und die heutige „Frisierkunst“. Die gesamte weitere Bauplanung übernahm Bruno Taut.
Sommerfeld finanzierte auch den Weiterbau der U-Bahn bis zur Endstation Krumme Lanke und schenkte sie der Stadt Berlin. 1930 wurden zwei Ladenzeilen längs des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte gebaut. Bauunternehmer war erneut Adolf Sommerfeld, die Entwürfe für die Passagen stammten von Otto Salvisberg und Rudolf Reichel. Die Eröffnung der Ladenstraße Ende 1931 wurde zum Stadtgespräch. Die Bevölkerung strömte herbei, um die erste Shopping-Mall zu sehen, durch die eine U-Bahn fährt. Das später dort eröffnete Kino warb mit dem Slogan „mit der U-Bahn ins Parkett“.
Die drei Architekten teilten die Baugebiete untereinander auf. Hugo Häring verwendete für seine Reihenhäuser nur ein helles Grün. Otto Rudolf Salvisberg ließ seine Fassaden meist in strahlendem Blau oder Gelb- und Rottönen streichen. Bruno Taut wagte am meisten und verwendete acht verschiedene Blautöne, drei Gelbtöne, beige, grau, grün, rosa, rot, rotbraun. Auch die klare Formensprache der Wohnbauten ohne Schnörkel war neu, genauso wie die moderne Ausstattung mit WC und Bad und Außenwohnraum – je nach Lage mit Balkon, Loggia oder Terrasse, Zugang zu Privat- oder Gemeinschaftsgärten. Diese wurden von den Gartenarchitekt:innen Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre gestaltet und sollten der Erholung und Selbstversorgung dienen. Willings-Göhre integrierte die vorhandenen Waldkiefern und Birken in den neuen Außenwohnraum, was zu einer gelungenen Symbiose von Architektur und Landschaft führte.
Landschaft, Licht, Luft und Sonne – all das war revolutionär neu. Das Architektenteam ließ die Straßen möglichst in Nord-Süd-Richtung und die Gebäude in Zeilenbauweise vorzugsweise mit einer Ost-West-Ausrichtung bauen, sodass optimal viel Licht einströmte. Auch die sogenannte Querlüftung der Wohnräume wurde möglich, wenn Fenster und Türen auf der Straßen- und Gartenseite gleichzeitig geöffnet wurden. So konnte man effektiv lüften, Krankheitskeime hatten wenig Chancen. Die Fassaden wurden schnörkellos gestaltet. Für optische Abwechslung sorgten die strahlenden Farben und die vielen kleinen und größeren Strukturelemente wie Loggien oder vor- und zurückspringende Fassaden.
Schräge Vögel in der Papageiensiedlung
Scharenweise pilgerte die Berliner Bevölkerung ab 1926 sonntags in die Papageiensiedlung. „Die reinste Völkerwanderung“, erinnerte sich eine Erstbewohnerin. Die Gäste bestaunten auch die vielen „schrägen Vögel“, die hier lebten. Anders als von Taut & Co erhofft konnten sich zwar kaum Arbeiterfamilien Mieten und Grundstückspreise leisten, dafür aber zogen Gewerkschafter, Handwerker, Künstlerinnen, Musiker und Schriftstellerinnen hier ein – etliche davon Berühmtheiten. Auch heute leben hier immer noch überdurchschnittlich viele Künstlerinnen und Architekten.
Die mehrheitlich konservative Zehlendorfer Bevölkerung aber befürchtete, dass sich der „rote Pöbel“ zwischen ihren Villen breitmachte. Der deutschnationale Zehlendorfer Bürgermeister verweigerte deshalb 1926 die Baugenehmigung für den ersten Bauabschnitt. Offizielle Begründung: Flachhäuser würden nicht in die Gegend passen. Ohne das mutige Einschreiten von Martin Wagner, SPD-Stadtbaurat für Großberlin und Freund von Bruno Taut, wäre die Siedlung nie gebaut worden. Er ordnete den Baubeginn an und riskierte damit, inhaftiert zu werden.
Man konnte sich schließlich gütlich einigen, aber der Kulturkampf entlud sich 1928 nochmal im kuriosen „Zehlendorfer Dächerkrieg“. Die Papageiensiedlung mit ihren Flachdächern, von Konservativen und Nazis als „Klein-Jerusalem“ geschmäht, wurde im Süden mit Häusern einer neuen „Versuchssiedlung“ der bürgerlich-konservativen Gagfah mit Satteldächern konfrontiert. Bruno Taut schrieb im Rückblick: „Was damals in dem stillen Waldvorort Zehlendorf sich abspielte, war wie ein Vorläufer dessen, was 1933 ganz Deutschland erlebte.“
1933 stand Taut ganz oben auf der Fahndungsliste der Nazis. Er musste fliehen, zuerst nach Japan, von dort in die Türkei, wo der ebenfalls geflohene Martin Wagner ihn in Empfang nahm; er starb dort am Heiligabend 1938.
Im Zweiten Weltkrieg erlebte auch die Siedlung Bombenangriffe. Im Frühjahr 1945 zogen russische Soldaten hier ein. US-Militärs lösten sie im Zuge der Teilung Berlins in vier Besatzungszonen ab und ssperrten die Ladenstraße als ihr Einkaufszentrum mit Stacheldraht ab, die „Frisierkunst“ wurde zum „Barbershop“. In der Nachkriegszeit nahm mancher Hauseigentümer wenig Rücksicht auf das architektonische Kleinod und setzte Baumarkt-Türen und Plastik-Fensterrahmen ein. Erst 1995 wurde die Siedlung unter „Ensembleschutz“ gestellt. 2006 erarbeitete das Architektenbüro Pitz/Brenne einen ersten „Denkmalpflegeplan“. Als 2008 sechs Siedlungen der Berliner Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe wurden, war die Papageiensiedlung wegen ihres „schlechten Erhaltungszustandes“ nicht dabei.
Ein zweiter Versuch der Nachnominierung wurde 2018 gestartet und war 2026 erfolgreich. Viele in der Siedlung freuen sich über die späte Ehrung Taut, kritisieren aber, dass sein Gedankengut aufgespalten wird: Der „architektonische Taut“ wird gefeiert, der „ökosoziale Taut“, der die Natur verehrte und Menschen mit schmalem Geldbeutel dienen wollte, wird verdrängt und vergessen. Der Privatisierung der gemeinwohlorientierten Gehag ab 1998 und dem Verkauf ihrer Mietshäuser an die renditegetriebenen Konzerne Deutsche Wohnen und Vonovia hätte er niemals zugestimmt. Die Mieter:innen der 1.100 Geschosswohnungen haben unter teuren Modernisierungen, intransparenten Abrechnungen und regelmäßigen Mieterhöhungen zu leiden. Auch die privaten Reihenhäuschen sind im Preis heftig gestiegen. Viele Menschen sind mit dieser Entwicklung zur „Reichensiedlung“ nicht einverstanden, und Taut wäre es erst recht nicht.
Dies ist ein komprimierter Ausschnitt aus dem Buch„Wald-Licht-Luft-Sonne, Leben in der schönsten Siedlung Berlins, 100 Jahre Papageiensiedlung“, erhältlich gegen 20 Euro Schutzgebühr bei der Buchhandlung Born in der Ladenstraße im U-Bhf, ISBN 978-3-00-086536-7. Die Autorinnen Ute Scheub und Gabriele Schulze sind im Vorstand des Vereins Papageiensiedlung e.V. V.i.S.d.P.: Ute Scheub, c/o Frisierkunst, Wilskistr. 34, 14169 Berlin
Wir danken dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass wir seinen Bericht hier veröffentlichen dürfen:
Die Papageiensiedlung: Vom Spottobjekt zum Welterbe-Anwärter
von: Von Joris Ufer (epd), 17. Juli 2026
Copyright: epd
Berlin (epd). Den Beinamen Papageiensiedlung verwenden die Bewohner des buntesten Quartiers von Zehlendorf heute liebevoll. In den 1920ern war er noch Ausdruck des Spotts. Mehrfarbige Reihenhäuser im Bauhaus-Stil waren in dem villenreichen Viertel damals nicht gern gesehen. Doch von dem Dünkel ist nicht viel geblieben: Bald könnte die Siedlung Weltkulturerbe werden.
Von Anfang an sollte es ein Begegnungsort sein. Bruno Taut (1880-1938), der federführende Architekt, strebte einen Gegenentwurf zu den beengten Verhältnissen vieler Berliner an: geräumig, lebenswert und dank serieller Bauweise erschwinglich. „Der Geist der Nachbarschaft ist hier schon immer stark gewesen“, sagt Ute Scheub. Die Journalistin und Mitgründerin des Kiez-Vereins lebt seit rund 30 Jahren in einem der bunten Reihenhäuser, von deren offenen Loggien und Gärten aus die Bewohner schnell miteinander ins Gespräch kommen.
Für Arbeiter gedacht, bei Künstlern beliebt
Die Waldsiedlung, so ihr offizieller Name, entstand zwischen 1926 und 1931 und war ursprünglich für Arbeiter bestimmt. Doch die grünen, gelben oder blauen Häuser zogen auch Künstler, Musiker und Schriftsteller an. Sie schätzten die Verbindung von Architektur und Natur auf dem ehemaligen Forstgelände. Immer noch säumen hohe Kiefern die Straßen und Gärten der rund 800 Reihenhäuser und 1.100 Geschosswohnungen. Auch die direkt in den U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ integrierte Ladenzeile war damals eine Neuheit.
Das Konzept polarisierte. „Es hat von Anfang an Stunk gegeben, weil die mehrheitlich konservativen Zehlendorfer hier keine Arbeiter wohnen haben wollten“, sagt Scheub. Schon um die Baugenehmigung musste Taut ringen. Ab 1928 ging dann der „Zehlendorfer Dächerkrieg“ durch die Presse. Eine bürgerlich-konservative Baugesellschaft setzte den flachen Bauten der Papageiensiedlung Gebäude mit spitzen Satteldächern entgegen. Als Reaktion auf die Widerstände baute Taut eine lange, geschwungene Reihe bunter Mehrfamilienhäuser – als „Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“.
Die Kehrseite des Welterbes?
„Taut hat damals auf einem ungewöhnlich hohen Niveau Wohnraum geschaffen, der noch heute eine besondere Qualität hat“, sagt der Berliner Landeskonservator Christoph Rauhut. Genau das schätzten die Bewohner der seit 1995 denkmalgeschützten Siedlung. Dass diese 2008 nicht gemeinsam mit den sechs anderen Berliner „Siedlungen der Moderne“ Unesco-Welterbe wurde, lag vor allem am schlechten Zustand vieler Fassaden. Der Wohnungskonzern Vonovia, dem mittlerweile ein Großteil der Mehrfamilienhäuser gehört, ließ sie sanieren. Die Waldsiedlung kam für eine Nachnominierung infrage. Manche Mieter sehen aber nun das soziale Erbe der Taut-Architektur durch die Verwaltung des Immobilienkonzerns bedroht. Als Kehrseite des Welterbe-Status fürchten sie langfristig steigende Mieten. Ein Sprecher der Vonovia-Tochter Deutsche Wohnen betonte auf Anfrage, es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Status und der Miethöhe.
Doch auch Scheub steht der Nominierung zwiespältig gegenüber: „Taut hat das Weltkulturerbe auf jeden Fall verdient, aber nicht den Prozess der Nominierung.“ Das Landesdenkmalamt habe die Eigentümer zu wenig einbezogen, Mieter gar nicht beteiligt. Zudem behandle der jüngste Denkmalpflegeplan Vorgaben etwa für Solarpaneele oder Markisen zu restriktiv. Rauhut verweist hingegen auf Bürgerwerkstätten und andere Dialogverfahren, mit denen man die Bewohner eingebunden habe.
100 Jahre Papageiensiedlung
Ob die Papageiensiedlung tatsächlich Weltkulturerbe wird, entscheidet sich auf der Unesco-Konferenz im südkoreanischen Busan, die vom 19. bis zum 29. Juli geht. Ihr 100-jähriges Bestehen in diesem Jahr wollen die Bewohner aber in jedem Fall feiern. Für den Sommer sind viele Veranstaltungen geplant, um die Nachbarschaft zusammenzubringen – getreu der Tautschen Philosophie: „Wie die Räume ohne den Menschen aussehen, ist unwichtig. Wichtig ist nur, wie die Menschen darin aussehen.“
Initiative Bau Onkel Toms Hütte
Im Jahr 2025 haben sich einige Fachleute aus der Nachbarschaft mit überwiegend langjähriger beruflicher Erfahrung im Bereich Bauen und Denkmalschutz als INITIATIVE BAU ONKEL TOMS HÜTTE zusammengefunden, denen am denkmalgerechten Erhalt unserer schönen Siedlung gelegen ist.
Die private Initiative unter dem Dach des Vereins Papageiensiedlung e.V. richtet sich vorrangig an die Eigentümer:innen der Einfamilienhäuser in der Siedlung, die modernisieren, sanieren oder renovieren wollen. Das gilt insbesondere für die Bauteile Dach, Fassade mit Putz und Farben und für Fenster und Türen.
Für die Eigentümer:innen der Einfamilienhäuser von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg bietet die Initiative eine ehrenamtliche und honorarfreie Bauberatung an. Konkrete, honorarpflichtige Bearbeitung von Bauvorhaben werden jedoch nicht übernommen.
Ebenso können sich Architekt:innen, Maler:innen, Tischler:innen und sonstige Handwerker:innen über einzelne Bauteile mit ihr austauschen. Auch zu baulichen und technischen Anpassungsmaßnahmen anzu Energieeinsparung, Klimaschutz, Grünflächen, Brandschutz, Müllentsorgung etc. können sie hier einen ersten Rat suchen.
Jeden zweiten Dienstag im Monat von 17 bis 18 Uhr bieten die Fachleute eine Bauberatung im Kieztreff „Frisierkunst“ an. Bitte melden Sie sich zur Vorbereitung unter
o-t-h-bauberatung@web.de
mit Nennung Ihres Beratungs-Schwerpunkts an.
Wenn Sie frisch Zugezogene kennen oder in Ihrer Nachbarschaft haben, die sich mit Denkmalschutz nicht auskennen, sind wir dankbar, wenn Sie den folgenden Flyer der Initiative ausdrucken und diesen in die Hand drücken. Oder Sie geben folgende Webadresse weiter: https://www.papageiensiedlung.de/siedlung/denkmalschutz/
Menschen, die in unsere Siedlung ziehen, wissen oft nicht, wie sie ihre Häuser denkmalgerecht sanieren sollen. Infos dazu gibt es im aktuell Denkmalpflegeplan, den das Landesdenkmalamt Berlin für die Waldsiedlung Zehlendorf 2023 aktualisiert herausgeben hat.
Ein Denkmalpflegeplan ist ein Fachinstrument, in dem praktische Maßnahmen zum Erhalt und der Pflege von Denkmalen durch einen Handlungsrahmen einheitlich geregelt sind. Bestandteil sind u.a. bauliche Lösungen für wiederkehrende vergleichbare Anforderungen, die einen einheitlichen Umgang sichern und langfristig zu einem geschlossenen Erscheinungsbild der Siedlung beitragen. Die Regelungen bieten Planungssicherheit und vereinfachen die Genehmigungspraxis für Eigentümerschaft und Untere Denkmalschutzbehörde.
Für die Waldsiedlung Zehlendorf war bereits in den 1980er Jahren ein Denkmalpflegeplan aufgestellt worden. Er war einer der ersten Denkmalpflegepläne Berlins und trug maßgeblich dazu bei, dass die Siedlung sich heute in einem hervorragenden Erhaltungszustand befindet.
Der aktualisierte Denkmalpflegeplan wurde vom Büro ProDenkmal in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt Berlin und der Unteren Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf entwickelt. Erweitert wurde die vorherige Broschüre für Einfamilienhäuser um aktuelle Anforderungen und Fragestellungen, die sich aus Klimakrise und sich verändernden klimatischen Bedingungen ergeben. Außerdem wurden Handlungsrichtlinien für den denkmalgerechten Umgang mit den Mehrfamilienhäusern und die Außenanlagen aufgenommen, welche die diesbezügliche langjährige Genehmigungspraxis verschriftlichen und vertiefen.
Die Leitfäden für Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser und die öffentlichen Freiflächen sind hier zum Download.
Waldsiedlung Zehlendorf Leitfaden Einfamilienhäuser
Waldsiedlung Zehlendorf Leitfaden Mehrfamilienhäuser
Waldsiedlung Zehlendorf Leitfaden für öffentlichen Frei- und Straßenraum
Die Unterschutzstellung der Siedlung
VON RICHARD RÖHRBEIN (Stadtbaudirektor a.D., Mitglied unseres Vereins, gestorben 2018)
1984 wurde begonnen, die Siedlung unter Schutz zu stellen – in Form des Ensembleschutzes. Dies erfolgte unter Volker Hassemer, damals CDU-Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz unter Weizsäcker; nach dem 1995 novellierten Denkmalschutzgesetz wurde das Siedlungsensemble auf die Liste der zu schützenden Denkmäler gesetzt. Das Interessante an diesem Verfahren war, dass nun endlich auch mal von Sozialdemokraten geplante Wohnbauten und Siedlungen der Weimarer Republik geschützt wurden und nicht mehr wie lange Zeit nur Burgen, Schlösser und Kirchen der Feudalgesellschaft.
Der Leiter der Denkmalpflege war damals Professor Engel, sein Stellvertreter Diplomingenieur Kloss. Letzterer hatte sich schon längerfristig für die Siedlung eingesetzt, unter bei der damaligen Eigentümerin GEHAG.
Man wollte es diesmal mit dem Unterschutzstellungsverfahren besonders „geschickt“ machen – mit Bürgerbeteiligung. Das wurde zum Bumerang, sprich: Es gab viel Protest aus der Bevölkerung. Professor Posener, ein prominenter Bau- und Kunsthistoriker aus dem Bezirk Zehlendorf, meldete Bedenken an. Wieso, weiß heute niemand mehr. Diese Proteste führten zu Verzögerungen, und diese Zeit nutzten Vertreter des „rabiaten Kleinbürgertums“ dazu, noch schnell diverse Veränderungen vorzunehmen. Kleinflügelige und kleinsprossige Fenster wurden herausgerissen und durch pflegeleichte Ganzglasfenster ersetzt. Aber dabei wurden sie auch sogleich um einen halben Stein vertieft und neu eingesetzt. Nun starrten und starren „blinde Augen“ die Betrachter an. Der Architekt Bruno Taut hatte die ursprünglichen Fenster bündig in die Hausfront setzen lassen. Eine leicht vorstehende Blechverwahrung am oberen Rand des Fensters und seitliche Abdeckleisten gaben etwas Profil und damit Schattenwirkung bei Streiflichtern der untergehenden Sonne. Sie erzeugten eine feine Reliefwirkung aus der Konstruktion, nicht künstlich dekorativ aufgesetzt wie bei der historischen Architektur. Wir können hier gar nicht all die individualisierenden Ideen und Taten der Hauseigentümer aufführen. Der Ersatz und Einsatz verschiedenster Haustüren war das hervorstechendste Merkmal dieser verhübschenden Individualisierung. Gegen eine solche Tendenz hatte Bruno Taut schon zur Entstehungszeit Kritik geäussert – als „Ungeist“ einer aus dem kollektiven Genossenschaftswesen erwachsenen Siedlung.
Das Siedlungs-Ensemble wurde dann 1995 formal als Schutzobjekt eingetragen. Im Jahre 2009 wurde mehrere Berliner Siedlungen der Weimarer Republik, unter anderem von Bruno Taut, auf die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Nun gab es erneut Kritik aus der Siedlung: Warum nicht die Onkel-Tom–Siedlung? Der Grund waren unter anderem die individualisierenden Beeinträchtigungen der Gesamtgestaltung!
Heute sind vermehrt Eigentümer wegen des Images der Siedlung als Geschichts- und Kulturdenkmal hierhergezogen, ältere Bewohner freuen sich über traditionsverbundene Rückbesinnungen. Auch ist der Denkmalsstatus steuerlich durchaus interessant. Aber immer noch scheint es schwierig zu sein, bei Renovierungen den richtigen Farbton zu bestellen, immer noch wird die vereinheitlichende Farbgebung „verpasst“. Andererseits gibt es sehr überzeugende Lösungen für farblich geschlossene Reihen – sogar für solche, die erst nachträglich, Stück um Stück, wieder hergestellt wurden – zum Beispiel in der Strasse am Gestell.
Inzwischen ist die Onkel Tom-Siedlung in aller Welt bekannt. Immer mehr Studierende und sonstige Besucher kommen hierher und freuen sich insbesondere an der Farbigkeit der Siedlung. Uns ist sie tägliche erfreuliche Gegenwart – wie schön! Auch darum steht an der Ecke Argentinische Strasse und Riemeisterstrasse ein Denkmal für Bruno Taut (1880-1938).